Thomas Gatter

Lilith küsst Priapos

Digitale Grafik von Anette Bogun im ROSEN-STUDIO am Prenzlauer Berg

wenn eine archaische Hexe und ein bukolischer Fruchtbarkeitsgott, und sei es auch nur mit den Lippen, aufeinander prallen, dann soll es wohl Funken sprühen.

Und Lilith ist ebenso wenig irgend eine Dämonin wie Priapos nur einer unter vielen Göttern der Antike war. Sie: nach dem mittelalterlichen Alphabet des Ben Sirah die wahre Urmutter der Menschen und nicht wie Eva dem ersten Manne untertan, sondern ihm absolut gleichgestellt – er: als Glücksbringer und Beschützer vor Ungemach mit seinem übergroßen Phallus bei sinnenfreudigen Hellenen und Kleinasiaten gleichermaßen beliebt.

it den beiden mythischen Figuren, auf die der Titel einer Ausstellung digitaler Grafik von Anette Bogun im ROSEN-STUDIO in der Lieselotte-Herrmann-Straße verweist, scheint das Leitmotiv der Präsentation eine abgemachte Sache. Was könnte es anderes sein als die so oft beschworene Polarität zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen? Denn Yin und Yang sind im aufgeklärten Haushalt Allgemeinplätze; selbst der abgeklärte, im Wesentlichen nichtpolare Buddhismus hat mit seinen vielfältigen Darstellungen kopulierender Gottheiten die beiden Pole Vernunft und Einfühlung im Sinn; und spätestens seit Cris Evatt und John Gray wissen wir, dass Männer vom Mars sind und Frauen von der Venus.

er sorgfältigere Blick belehrt auch hier, wie immer, eines Besseren. Zunächst einmal hat Anette Bogun mit großer Kreativität und ausgeprägtem Gefühl für den optischen Effekt eine Vielzahl höchst überraschender Kompositionen geschaffen. Erst bei näherem Hinsehen offenbart sich, dass es die weiblichen und männlichen Sexualorgane sind, die in ihren Arbeiten als wiederkehrende Motive dominieren. Dabei ist die Absicht der Künstlerin nicht so sehr die Verfremdung und kritische Distanz als vielmehr das Herausarbeiten der Fruchtbarkeit des Sexus in und durch Form und Farbe. Nicht die männlich-weibliche Polarität steht im Mittelpunkt, sondern die Aufhebung des Widerspruches in Koexistenz und Vereinigung.

Sicherlich brisant aus der Sicht feministischer Ästhetik, sicherlich eine Herausforderung, der frau sich stellen muss. Denn der Blick bleibt weiblich. Die Perspektive ist die “der selbstbestimmten Frau, der Vulva als Ort ungeheuerer magischer Kräfte, als Tor zum Leben“ (A. Bogun). Gerade diese konsequent weibliche Sicht des nur scheinbar Gegensätzlichen der Geschlechter ermöglicht der Künstlerin, „Sexualität als spirituelle Kraft“ wieder in ihr Recht zu setzen, „wider die pornographisch orientierte Darstellung und Vermarktung von Sex“.

Dass solche geerdete Kraft vom Weiblichen ausgehen kann, soll niemanden überraschen. Schließlich war Lilith ja auch nicht aus Adams Rippe, sondern ebenso wie der erste Mann ganz eigenständig aus Lehm geformt worden.

 

Die Präsentation umfasst 23 Grafiken, die aus der Bearbeitung von Farbfotografien und Video-Stills entstanden sind. Die Eröffnung, bei der der Bremer Historiker und Kulturwissenschaftler Thomas Gatter eine Einführung gibt, findet am 22. Mai 2005 um 11 Uhr statt. Die Ausstellung wird vom 22.05. bis 26.08. 2005 jeweils Sonntags von 15 bis 18 und Mittwochs von 17 bis 19 Uhr sowie nach Vereinbarung zu sehen sein.

 

ROSEN-STUDIO

Lieselotte-Herrmann-Straße 36 (Ladeneingang)

10407 Berlin – Prenzlauer Berg

Zur Terminvereinbarung: 030 - 42 80 79 74