Thomas Gatter

Genesis Labyrinth

Digitale Foto-Grafiken von Anette Bogun in der Galerie am Storchenturm

Rahel Varnhagen hat einmal gesagt, eher als von der Seele der Zeit müsse man vom „Körper der Zeit“ sprechen. Der Körper unserer Zeit ist der weibliche Körper. Durch die Werbung zum zentralen Symbol des Marktes erhoben, auf der Bühne der Öffentlichkeit stärker noch als der männliche Leib unvergängliche Jugend und Schönheit als Forderung und Anspruch beschwörend, in die schäbigen Korsagen der Pornographie gepresst – im Zeitalter grenzenloser Freiheiten ist der weibliche Körper so unfrei wie nie zuvor. Da liegt der Verdacht nahe, dass Angst eine der Triebkräfte dieser allgegenwärtigen Beschwörung des körperlich Weiblichen ist.

Anette Bogun, deren digitale Foto-Grafiken unter dem Titel Genesis Labyrinth ab 12. Mai 2006 in der Galerie am Storchenturm gezeigt werden, will uns diese Angst überwinden helfen. Sie führt uns durch den Irrgarten der Sinnlichkeit und öffnet unseren Blick auf exotische Reiche der Sexualität. Von einer eigenartig ambivalenten Qualität sind ihre Bilder: sind es die bizarren Schöpfungen einer entfesselten Hexe oder die unbefangenen Traumbilder einer verwunschenen Prinzessin? Die Provokation von Lust und Abscheu ist ebenso gewollt wie die Konfrontation mit unseren eigenen Phantasien, unserer Sehnsucht nach Entblößung. Denn auch das ist Teil der Ambivalenz dieser Arbeiten: wir sind Voyeure und Exhibitionisten zugleich. Die Künstlerin lässt uns hier an einer Szene spielerischer Macho-Action teilnehmen, dort in die kontemplative Stille eines blauen Meeres in der Tiefe der weiblichen Psyche eintauchen. Vielschichtige Koexistenzen werden wirksam und sichtbar: irdische Lust und göttliche Schöpfung, die Komik des Aktes und die Erhabenheit der Empfängnis, Zärtlichkeit und brutaler Zusammenprall und immer wieder und ganz konkret das „Zusammen Sein“ von Vulva und Phallus.

Denn Anette Bogun antwortet auf die Ausbeutung des Körpers und des Sexus in unserer Zeit nicht, indem sie sich vom Täter Mann abkehrt. Seit 2003 widmet sie sich konsequent der Weiblichkeit als Hüterin einer schöpfenden Sexualität, aber nicht als Alleinherrscherin über das Sexuelle. Die archaische Kraft, auf die sie sich, inspiriert durch Jahrtausende alte Höhlenmalereien matriarchalischer Kulturen, bezieht, bedarf gerade der Vereinigung von Wasser und Feuer, Erde und Luft, Yin und Yang, Penis und Vagina und ihrer gegenseitigen Befruchtung. „Nur in der freien Verschmelzung des physisch Gegensätzlichen“, sagt die Künstlerin, „kann die Utopie einer freien Sexualität Gestalt annehmen“.

Technisch löst sie die selbst gestellte Aufgabe auf der Grundlage naturalistischer Fotografien von Körperteilen oder „Segmenten des Körperausdrucks“ (Valie Export), deren digitale Bearbeitung zu kreativen Assoziationen mit „Segmenten der Naturwirklichkeit“ führt, wie auch einige der Bildtitel – Abendsonne, Grasharfe, Fata Morgana, Pfauenfeder – andeuten. Mit der kühlen und zugleich verspielten digitalen Technik schlägt die Künstlerin eine Brücke zu den Techniken der pornophilen Gesellschaft und ihrer Ökonomie und deutet zugleich Perspektiven ihrer Überwindung an. Das Kunst Kompakt Konzept der Galerie am Storchenturm eignet sich in besonderer Weise für die Präsentation der Arbeiten, da in den Projektionen die Eindringlichkeit von Form und Farbe prägnant zur Geltung kommt.

Furcht ist ein schlechter Ratgeber, auch in der Sexualität. Die digital-fotografischen Gemälde Anette Boguns laden dazu ein, tief eingegrabene Ängste ans Licht zu holen, abzustreifen und sich auf die elementaren Gefühle einzulassen, die die Bilder auslösen.